5.2 Notfallpolster: Warum du Rücklagen brauchst, bevor der Wagen rollt
Von Oliver Preuss | Eiswagenbetreiber seit über 17 Jahren
Es gibt einen Satz, den ich Gründern ungern sage, weil er die Vorfreude bremst: Bevor du deinen ersten Euro verdienst, solltest du Geld zurückgelegt haben, an das du nicht rangehst.
Das klingt nach Spielverderberei. Es ist aber der Unterschied zwischen einem Sommer, den du mit ruhigem Kopf fährst, und einem, bei dem jede Rechnung ein kleiner Schock ist.
Warum ausgerechnet dieses Geschäft ein Polster verlangt
Zwei Dinge kommen bei uns zusammen, die einzeln schon anstrengend wären.
Erstens die Saison. Von April bis Ende September klingelt die Kasse. Danach steht der Wagen – während Versicherungen, Lagermiete, Strom und dein privates Leben einfach weiterlaufen. Du verdienst also in einem halben Jahr das Geld für ein ganzes.
Zweitens das Unvorhersehbare. Ein Getriebeschaden am Wagen. Eine Gefriertruhe im Lager, die aufgibt. Ein gebrochenes Bein im Hochsommer, das dich für Wochen aus dem Verkehr zieht.
Das sind keine Katastrophenfantasien, das sind normale Betriebsrisiken. Und sie haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie treten fast immer dann auf, wenn es am teuersten ist – mitten in der Saison, wenn jeder Ausfalltag doppelt weh tut.
Ohne Reserve wirft dich so etwas in Sekunden aus der Bahn, obwohl dein Geschäft an sich funktioniert. Das ist das Bittere daran: Es liegt dann nicht am Konzept, sondern an der fehlenden Liquidität.
Zwei Töpfe, nicht einer
Ein Punkt, den viele übersehen: Du brauchst zwei Polster, und die gehören strikt getrennt.
Das private Polster ist dein Sicherheitsnetz für dich und deine Familie. Es deckt Miete oder Hauskredit, Lebensmittel, Strom, Versicherungen, Auto, Handy – alles, was weiterläuft, wenn dein Geschäft mal nicht genug abwirft oder du selbst ausfällst.
Das geschäftliche Polster ist ausschließlich für den Betrieb da: Reparaturen, Wareneinkauf in teuren Phasen, Versicherung, Abstellplatz, notfalls auch mal ein Strafzettel.
Warum die Trennung? Erstens vermeidest du damit Chaos in deiner Buchhaltung. Zweitens – und wichtiger – schützt du dein Privatvermögen, wenn es im Geschäft eng wird. Wer beides aus einem Topf bezahlt, merkt zu spät, dass er gerade seine Miete in eine Kompressorreparatur gesteckt hat.
Praktisch heißt das: getrennte Konten. Nicht getrennte Ordner im Kopf.
Was wirklich ein Notfall ist
Diese Frage klingt banal, entscheidet aber darüber, ob dein Polster im entscheidenden Moment noch da ist.
Ein Notfall ist ein Motorschaden. Eine unerwartete Reparatur der Kühltechnik. Eine längere Krankheit oder ein Unfall.
Ein Notfall ist nicht das neue Deko-Topping, auf das du gerade Lust hast. Kein Konzertticket. Kein vorgezogener Urlaub. Und auch nicht die dritte Sortenerweiterung, die du dir spontan wünschst.
Alles, was kein echter Notfall ist, bezahlst du aus dem laufenden Geschäft – oder du schiebst es. Ein Polster, an das man immer mal wieder „nur kurz" rangeht, ist kein Polster. Es ist ein Girokonto mit einem schönen Namen.
Wie hoch muss es sein?
Die Rechnung selbst ist einfach: Du addierst deine privaten Fixkosten, du addierst deine betrieblichen Fixkosten, und beides multiplizierst du mit einem Faktor, der dich über eine schwierige Phase trägt.
Welchen Faktor ich dafür ansetze und wie die Rechnung bei einem typischen Einwagen-Betrieb konkret aussieht, gehe ich im Eiswagen-Führerschein mit dir durch. Was du hier mitnehmen solltest, ist die Methode: Es geht nicht um ein Bauchgefühl und auch nicht um „ein bisschen was auf der Seite", sondern um eine Zahl, die du ausgerechnet hast und die zu deiner Situation passt.
Wer allein in einer günstigen Wohnung lebt, braucht etwas anderes als jemand mit Familie, Hauskredit und zwei Kindern in der Ausbildung.
Zwei Wege, es aufzubauen
Am besten kombinierst du beide.
Ausgaben senken. Abos durchgehen, Extras streichen, eine Zeit lang bewusst sparsamer leben. Und das Wirksamste: Automatisiere deine Rücklage. Ein Dauerauftrag auf ein separates Konto, direkt am Monatsanfang, bevor das Geld sich anderweitig verabredet.
Einnahmen erhöhen. Überstunden oder ein Nebenjob, solange du noch angestellt bist. Oder Zusatzeinnahmen im Winter, wenn der Wagen steht – Gutscheine für die nächste Saison, Weihnachtsaktionen, selbstgemachte Schokoladen. Der Winter ist die Zeit, in der die meisten Eiswagenbetreiber Geld ausgeben statt welches zu verdienen. Das muss nicht so sein.
Mein wichtigster Tipp zu diesem Thema
Sorg dafür, dass dein Polster vom ersten Tag an existiert – nicht erst dann, wenn du es aus dem laufenden Geschäft zusammengespart hast.
Dafür gibt es zwei Wege. Du kannst deine Finanzierung von vornherein etwas höher ansetzen, sodass der Puffer mit eingerechnet ist. Oder du machst es so wie ich: Ich habe nur einen Teil meines Vermögens in den Wagen gesteckt und den Rest als Polster behalten. Den anderen Teil des Wagens habe ich finanziert beziehungsweise geleast.
Beide Wege führen zum selben Ergebnis – du startest mit einer Reserve statt mit einem leeren Konto. Mir war das wichtiger, als die Finanzierungssumme möglichst klein zu halten. Denn die kleinere Rate nützt dir nichts, wenn dich die erste größere Reparatur aus der Bahn wirft, obwohl der Verkauf läuft.
Mit einem Puffer schläfst du besser – und du triffst bessere Entscheidungen, weil du nicht aus der Not heraus handelst. Wer knapp bei Kasse ist, kauft das billigere Ersatzteil, fährt den Wagen länger als er sollte und sagt Aufträge zu, die sich nicht rechnen.
Welche Finanzierungswege es überhaupt gibt und wie sie sich unterscheiden, habe ich in der Kategorie „Eiswagen & Ausstattung" beschrieben.
Mein Fazit
Ein Notfallpolster macht dich nicht unverwundbar. Aber es sorgt dafür, dass ein Schaden ein Schaden bleibt – und nicht das Ende deines Geschäfts wird.
Setz dir ein klares Ziel, bis wann du diese Summe zusammen hast, und lege den Start nicht davor. Ob durch Sparen, durch eine höhere Finanzierung oder durch Zusatzeinnahmen ist zweitrangig. Hauptsache, der Puffer steht, bevor der Wagen rollt.
Wie es in dieser Kategorie weitergeht
Zu diesen Themen erscheint hier in Kürze jeweils ein eigener Artikel:
- Businessplan und Ziele. Dein Kompass, nicht dein Pflichtdokument für die Bank.
- Das Bankgespräch. Wie du dich vorbereitest und wie die Gegenseite denkt.
- Buchhaltung und Steuern. Einmal richtig aufgesetzt, dann läuft es.
Bereits erschienen ist der Artikel zur Preiskalkulation – dort erfährst du, wie deine Fixkosten überhaupt in deine Preise kommen.
Dein nächster Schritt
Wenn du noch am Anfang stehst, hol dir meinen kostenlosen Starter-Guide „Die 5 entscheidenden Schritte zum eigenen Eiswagen".
Und wenn du deine Zahlen konkret aufstellen willst, rechnen wir im Eiswagen-Führerschein dein persönliches Notfallpolster gemeinsam aus – zusammen mit deiner Kalkulation und deinem Finanzierungsbedarf.
Hinweis: Steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen ändern sich und unterscheiden sich je nach Region. Für deine konkrete Situation solltest du zusätzlich einen Steuerberater hinzuziehen.